"Halbe Seite in der FAZ!"

Literaturstar Anthony McCarten im faktor3-Gespräch

In diesem Jahr präsentierte sich Neuseeland bei der Frankfurter Buchmesse als Ehrengast. Passend dazu erschien im September der neue Roman eines der erfolgreichsten und aufregendsten Vertreter der neuseeländischen Literaturszene: Anthony McCarten, geboren 1961 in New Plymouth, kam über Film und Theater zur Literatur. In seinen Werken will der Schriftsteller das wahre Leben widerspiegeln, weshalb es immer eine Mischung aus Komödie, Drama und Tragödie ist, sagt er selbst. Der Autor ist ein Ausnahmetalent, das den Balanceakt des menschlichen Lebens perfekt einfängt. Sein Bestseller „Superhero“ ist mittlerweile mehr als nur Schullektüre- auch eine Verfilmung kam 2012 in die Kinos. Wir trafen uns mit Anthony McCarten zum Interview in Gütersloh. Das Gespräch führte Elke Corsmeyer.


Sie leben vornehmlich im Ausland - darf man Sie immer noch als neuseeländischen Autor bezeichnen?

Ich bin ein in Neuseeland geborener Autor, der Neuseeland immer noch als seine Heimat bezeichnet. Ein nationalistischer Autor, der seinem Land dient oder aufdeckt, wie ein Neuseeländer ist, bin ich nicht. Ich glaube, dass Neuseeland sicher ist, dass seine Autoren frei sind und sich zu universellen Themen im nationalen Kontext äußern können. Obwohl ich jetzt die meiste Zeit in England lebe, habe ich ein Strandhaus in Neuseeland. Mindestens einmal im Jahr bin ich in dort, um unter meinesgleichen zu sein. Vielleicht war einer der Gründe, weshalb ich mit Mitte 20 meine Heimat verließ, dass es eine Spur von intellektueller Frustration gab. Aber da war auch einfach die Neugierde: Als Schriftsteller fühlte ich die Notwendigkeit, dass ich im Gespräch die Menschen beobachten konnte.

Was würden Sie an Ihrer Art zu schreiben als typisch neuseeländisch bezeichnen? Gibt es einen landestypischen Duktus?

Neuseeland ist eine eng miteinander verknüpfte Gesellschaft. Es gibt einen großen Druck, normal zu sein. Die Leute neigen dazu, ihre inneren Welten voreinander zu verstecken. Die Literatur Neuseelands hat dies untersucht. Ein gemeinsames Thema ist die Intoleranz der kleinen Gesellschaft gegenüber jeder Abweichung von der "Norm". Von Menschen wird erwartet, dass sie "hinein passen", dass sie Anzeichen von Fehlverhalten, Irrationalitäten oder Wahnsinn verheimlichen und ihm ablehnend gegenüberstehen. Für meine eigene Arbeit ziehe ich hieraus starke Aspekte. Zweifellos haben alle zentralen Figuren in "The English Harem", "Superhero", "In The Absence Of Heroes" und "Liebe am Ende der Welt" versucht, ihrer faden Realität und inneren Welt zu entkommen.

 

Wie kommt es, dass so viele Ihrer Geschichten in England angesiedelt sind?

Ich habe in Neuseeland gelebt und halte mich seit über 20 Jahren ab und zu dort auf. Heute habe ich Lust, darüber mit einiger Autorität zu schreiben. Aber für meine Romane ist auch London ein guter Ort. Ich denke, das liegt  an der Fülle von Schicksalen, Kulturen und Konflikten. Auf London lastet ein enormer Druck, allein dadurch, dass hier so unendlich viele Menschen leben; die zentralen Fragen im menschlichen Existenzkampf treten hier sehr viel deutlicher hervor.

 

Was kann ein "Gastland-Auftritt" für Autoren bringen?

Nun, wir werden sehen. Ich weiß noch nicht, was zu erwarten ist, aber ich wäre sehr überrascht, wenn die ganze weltweite Aufmerksamkeit, die sich gerade auf mein kleines Land konzentriert, nicht einen Energieschub bewirken würde.

 

Zwei Tage vor Ihrer Lesung in Gütersloh widmete Ihnen die FAZ eine enthusiastische, ganzseitige Besprechung im Feuilleton mit der Überschrift "Und Trauer lässt sich doch nicht teilen". Die Kritikerin der FAZ attestiert Ihnen "Witz, Charme", nennt Sie einen "virtuosen Herrscher über erzählte Welten" und strahlt vor "Freude beim Lesen". Wissen Sie, dass dies einem "Adelsschlag" in der Literaturszene gleichkommt?

Nein, das wusste ich nicht. Natürlich war ich von den freundlichen Worten in der FAZ begeistert. Als der Artikel erschien, ging ich gerade an einem Kanal in Hamburg spazieren. Meine Freundin in München schickte mir eine schlichte SMS: "Halbe Seite in der FAZ!" Ich habe erst später verstanden, dass dies eine sehr große Ehre ist, und dafür bin ich überaus dankbar.

 

Lesen Sie die Kritiken Ihrer Bücher und Stücke?

In dieser Hinsicht bin ich ein bisschen feige. Wenn mir jemand sagt, eine Kritik sei positiv, dann lese ich sie auch. Falls eine Kritik nicht so nett ausfällt, kann ich mir sicher sein, dass mir jemand davon berichten wird!

 

Sie waren nun schon zweimal in Gütersloh. Was ist Ihr Eindruck von unserer Stadt?

Tatsächlich erinnert mich Gütersloh ein wenig an New Plymouth, die kleine Stadt in Neuseeland, in der ich aufgewachsen bin. New Plymouth ist das administrative Zentrum für eine große ländliche Gemeinde, ein Ort, wo  Land auf Stadt trifft. Alte Wege werden beibehalten, aber die Modernität verlangt ständig Wandel, Wandel, Wandel.

 

Ihre Karriere begann beim Theater. Was veranlasste Sie dazu, schließlich auch Romane zu schreiben?

Meine Liebe zur Literatur. Es dauerte lange, bis ich zum Leser wurde. Als Kind war ich eher fernseh­süchtig. Aber als es mich zum Lesen trieb, war das sehr heftig und ich verliebte mich in das, was ein Roman auslösen kann. Jedenfalls dauerte es einige Jahre, bis ich das Vertrauen und die Fertigkeiten entwickelt hatte, um selbst einen Roman zu verfassen.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit an einem Roman von der an einem Theaterstück oder einem Drehbuch? Sind die Unterschiede eher technischer Natur oder beeinflussen sie Ihre komplette Herangehensweise?

Mein Berufsleben begann ich als Dramatiker und Drehbuchautor, dann schrieb ich  Romane; so haben meine früheren Arbeiten mich die Notwendigkeit einer Geschichte gelehrt. Ich hoffe, dass das meinen Romanen gut getan hat. Denken Sie an  Dickens, Goethe, Shakespeare, Twain, Tolstoi, an all diese wunderbaren Geschichtenerzähler. Viele große moderne Schriftsteller schreiben aber so, als wäre die Geschichte weitaus weniger wichtig als der Stil. Ich sehe hierin keinen Konflikt, habe aber das Gefühl, dass die Autoren, die sich gegen eine Geschichte aussprechen, vermutlich gar nicht gelernt haben, gut Geschichten zu erzählen.

Der Roman, das Drehbuch und auch das Theaterstück stellen einen Schriftsteller vor eine Vielzahl von technischen und emotionalen

Herausforderungen. Die Fähigkeiten, die du Dir dadurch aneignest, lassen sich teilweise von einem auf das andere Medium übertragen. Bühnenstücke zu schreiben lehrte mich, wie viel Handlung tatsächlich schon im gesprochenen Wort enthalten ist.

Meine Romane sind demzufolge vermutlich ein wenig dialoglastiger als die meisten anderen. Ich habe auch gelernt, wie wichtig es ist, Charakteren ihre eigene Sprache zu geben, einen eigenen Tonfall, der sie gegenüber anderen unverwechselbar macht. Viele Schriftsteller übersehen das, und alle ihre Figuren klingen irgendwie gleich. So ist es aber doch im wahren Leben nicht. Letzlich bedarf eine Geschichte einer allgemeinen Voraussetzung und muss auf der Grundlage von drei Fragen konstruiert werden: Was will der Charakter, was wird er tun, um es zu erreichen, und womit steht er am Ende da? Ich habe mich dabei beobachetet, mir genau dieselben Fragen bei all meinen Figuren, in all meinen Geschichten zu stellen.

Bei Drehbüchern hingegen geht es eher um Action. Du lernst, dass ein Charakter sich auch dadurch auszeichnet, was er tut, nicht nur durch das was er sagt. In meinen Büchern folgt daher auf eine dialoglastige Passage mitunter eine reine Actionsequenz. Ich mag diesen Kontrast zwischen Zuhören und reinem Hinsehen.

Auch die Filmarbeit ist für mich daher eine Art Gegengift gegen die klösterlichen Entbehrungen einer einsamen Autorenschaft. Ich mag Menschen, genieße die Zusammenarbeit, das Filmemachen ist für mich wie ein Ventil. Einen Roman zu schreiben ist wie zwei oder auch mehrere Jahre lang den Atem anzuhalten.

 

Was halten Sie von Verfilmungen literarischer Stoffe?

Wenn man einen Roman schreibt, eine Geschichte erzählt, in der wenigstens ein Protagonist eine Reise ins Unbekannte antritt und am Ende auch nur ansatzweise wieder heimkehrt, dann wird jemand einen Film daraus machen wollen. Ich freue mich immer, mit Filmemachern darüber zu sprechen, wie sich so etwas umsetzen lässt, als etwas Neues, und oft mit einem wunderbaren Ergebnis. Aber natürlich kann ein Film immer nur aus den Fragmenten eines Romans entstehen. Der Roman selbst muss demontiert werden, er muss zerstört werden, damit etwas ganz Neues, Eigenes daraus entstehen kann.

 

Hatten Sie Bedenken, was die Adaption von "Superhero" anging?

Nein, ich war sehr zuversichtlich, dass aus dem Material ein ausgezeichneter Film werden kann. Ich habe den Film erst vor ein paar Tagen mit einem öffentlichen Publikum gesehen, und all die Emotionen, die ich beim Schreiben des Buches hatte, kamen an bestimmten Stellen zu mir zurück.

Allein das intensive Hineinversetzen in eine Person, die dabei zusehen muss, wie ihr Kind seinen letzten Atemzug tut, und dann einfach aufhört zu atmen, war extrem aufwühlend! Ich bin sehr froh, dass der Film das eingefangen hat.

 

Sie haben zu "Am Ende eines viel zu langen Tages" auch das Drehbuch geschrieben. Wäre es Ihnen schwer gefallen, diese Aufgabe zu delegieren, wenn Sie in diesem Metier nicht so erfahren wären?

Wenn man im Filmgeschäft arbeitet, muss man lernen, Dinge abzugeben. Sogar jemand wie Woody Allen, der seine Geschichten fast immer selbst schreibt und auch selbst Regie führt, sagt seinen Schauspielern, dass sie vor der Kamera einfach tun sollen, was sie wirklich fühlen - weil er weiß, dass er nicht auf alles eine Antwort hat.

 

Wie stehen Sie zu Ihren Charakteren? Könnten Sie sich vorstellen, ihnen im Leben als "echte Menschen" zu begegnen? Wären sie Ihnen sympathisch?

Ich hoffe, dass jede Figur, die ich erfinde, eine eigene Realität hat, die es ihr erlauben würde, zu atmen, also wirklich zu existieren. Ich habe sie ja alle schon so oft in meiner Vorstellung getroffen, deswegen fällt es mir nicht schwer, mir vorzustellen, sie auch im wirklichen Leben zu treffen. Wären sie liebenswert? Manchmal wahrscheinlich, manchmal nicht. Das perfekte Individuum ist ein Konzept, und es hat niemals existiert.

 

An welchem Punkt einer Geschichte entscheidet sich in der Regel ihr Ausgang? Wissen Sie von Anfang an, wohin alles führen soll oder erlauben Sie sich gewisse Spontaneitäten?

Weil es mir wichtig ist, eine Geschichte wirklich gut zu erzählen, muss ich nicht nur ihr Ende bereits im Voraus kennen, sondern die Geschichte sogar rückwärts planen. Ich beginne am Ende und arbeite mich rückwärts voran, um letztendlich zu entdecken, was der Anfang ist, was er sein muss, damit das Ende so gut wie möglich funktioniert. Manchmal bin ich sogar überrascht! Diese Methode funktioniert für mich am besten und ich hoffe, das tut sie auch für den Roman.

 

In einem Interview sagten Sie einmal, Ihre einzige Ambition sei es, die normale Ausgeglichenheit zwischen Drama und Komik darzustellen, um dem Leben, wie es ist, gerecht zu werden. Wo verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze zwischen Realität und Fiktion?

Ich schreibe sozialen Realismus. Ich hoffe, dass ich dabei nichts auslasse, was notwendig ist für die Darstellung realistischer Situationen und Charaktere. Das allerschwierigste bei diesem Bemühen ist jedoch, das Innenleben von Menschen zu zeigen, genau den Teil, von dem wir denken, wir müssten ihn vor anderen verbergen. Diese innere Welt ist natürlich ein Ort, wo alles möglich ist, es ist sozusagen das Gegenteil der Wirklichkeit, eben eine "Fiktion", die ganz oft in einem extremen Widerspruch zur Realität steht. Ich schreibe über richtige Menschen, die notwendigerweise Masken tragen, um anderen Menschen zu begegnen, die ihrerseits auch Masken tragen.

 

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration? Sind Sie der "klassische Beobachter"?

Es würde mir durchaus gefallen, mich selbst als „Weltklasse Beobachter“ zu sehen.

 

Sie sind ungeheuer produktiv. Was erwartet uns als nächstes aus Ihrer Feder?

Ich schreibe an einem neuen Roman, der in London spielt. Es gibt darin einen größeren Konflikt zwischen komischen und tragischen Elementen, als ich es ursprünglich beabsichtigt hatte.  Die Arbeit geht gut voran!

(Dieses Interview stammt aus faktor3, Ausgabe 02/12)